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Heimatmuseum Oberstdorf
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Josef Schratt und seine spektakulären Riesenschuhe
Es war das Jahr 1929, als der Oberstdorfer Schuhmachermeister Josef Schratt die Idee hätte, einen überdimensionalen Schuh zu fertigen, wie es ihn noch niemals zuvor gegeben hatte. Ein Modell wurde schnell zu Papier gebracht und Schratt zeichnete die Form des Schuhs in Originalgröße mit Kreide auf den Boden seiner Werkstatt. Am nächsten Tag war die
Grundrisszeichnung allerdings verschwunden - das Hausmädchen hatte die „Schmiererei" - einfach weggewischt. Kurz darauf die nächste Hiobsbotschaft: Eine angeschriebene Spezialfabrik ließ mitteilen, dass man einen so großen Leisten nicht herstellen könne.
„Dann mach' ich's halt selber", dacht sich Schratt und ging an die Arbeit für seinen acht Zentner schweren Riesenschuh. Dreieinhalb Meter war er groß, was der Schuhgröße 450 entspricht, und neun Viehhäute wurden verbraucht. Die Schnürsenkel mit einem Gewicht von vier Kilo steuerte ein Wuppertaler Unternehmen bei. Der Schuh war die Attraktion schlechthin anlässlich der Deutschen Jubiläums-Skimeisterschafi im Februar 1930, die in Oberstdorf durchgeführt wurde. Auch die Königin der Niederlände und ihre Tochter, die damalige Kronprinzessin und spätere Königin Juliane, die ihr Quartier samt Hofstaat im Wittelsbacher Hof bezogen hätten, bestaunten Schratts Schuh. Juliane lernte hier in Oberstdorf übrigens das Skifahren. Wenig später fraf den Schuhmacher aus Oberstdorf eine Zeitungsmeldung wie ein Blitz aus heiterem Himmel: „Amerikanische Firma baute größten Schuh der Welt!" Er ließ die veröffentlichten Maße des amerikanischen Schuhs in deutsche Größen umrechnen und stellte gottlob fest, dass sein Schuh der größere war. In der Zeitung wurde nun über seinen Schuh umfangreich berichtet. Der amerikanische Handelsattacé gab sich aber damit nicht zufrieden und ließ zwei Polizisten die Maße des Oberstdorfer Schuhs überprüfen. Das Ergebnis dieser Vermessung bestätigte die Angaben Schratts und er konnte sich offiziell als Erbauer des größten Schuhs der Welt feiern lassen.
Der Schuh präsentierte sich fortan als beliebter und bestaunter Mittelpunkt vieler Ausstellungen, ob in Köln, Berlin, Rotterdam oder Budapest. Bei vielen dieser Auftritte war Josef Schratt persönlich dabei, so dass er weite Teile Europas kennenlernte; was er natürlich als sehr angenehm empfand.
Darüber hinaus war er als Delegierter des Deutschen Schuhmacherverbandes häufig unterwegs. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der größte Schuh der Welt zerlegt und als Material für das Schuhmachergeschäft verwendet, da man in dieser Zeit nur sehr schwer an die einzelnen Bestandteile für handgemachte Schuhe kam.

Nach einigen Jahren wollte es Josef Schratt aber nochmals wissen: „Sieben Generationen Schuhmacher, da muss man beweisen, was man kann!" Er machte sich an die Arbeit, abermals einen Riesenschuh zu planen und zu fertigen. Drei Jahre vor dem 150-jährigen Bestehen der Schuhmacherei Schratt, genau im Jahr 1950, konnte der Meister den neuen größten Schuh der Welt vorführen. Die Schuhgröße war auf 480 angewachsen und das Gesamtgewicht betrug 12 Zentner. Die Einlegesohle bot bequem Platz für vier liegende Männer, 20 Meter Rupfen wurden für das
Futter verbraucht und zum Vernähen der Sohle mussten 45 Meter Bergführerseil herhalten. Anlässlich der 1. Skiflugwoche im Stillachtal wurde der kolossale Stiefel von vielen Tausenden-Gästen bewundert. Während einer Handwerksausstellurtg in München war der Schuh plötzlich verschwunden: Die Diebe, als Werbeleute bezeichnet, wollten ihn in einer Nacht- und Nebel-Aktion in die Tscheslowakei bringen, wurden aber kurz vor der Grenze von der Polizei gestellt. Wie schon der erste Schuh war auch der neue wieder Gast auf zahlreichen Ausstellungen in ganz Europa. Dann wurde es ruhiger um den gigantischen Schuh und er verschwand gut verpackt in einem Schuppen. „So ein Schuh entwickelt sein eigenes Leben, verlangt Werbung und Wartung und dafür hat niemand mehr Zeit", sagte Schratt Anfang der sechziger Jahre, als er sich zur Ruhe setzte. Im Mai 1969 starb der Schuhmachermeister und Erschaffer zweier Weltrekordschuhe Josef Schratt im Alter von 82 Jahren in Oberstdorf. Noch ein paar Jahre blieb der Riesenschuh in seinem Unterschlupf verborgen, ehe ihm die Markgemeinde Oberstdorf Mitte der siebziger Jahre durch einen Platz im Heimatmuseum die Ehre zu Teil werden ließ, die im gebührt.

Aus dem Marktreport Oberstdorf, S. 16, Beilage zum Allgäuer Anzeigeblatt vom 30.8.03

 
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