„Dann
mach' ich's halt selber", dacht sich Schratt
und ging an die Arbeit für seinen acht Zentner
schweren Riesenschuh. Dreieinhalb
Meter war er groß, was der Schuhgröße
450 entspricht, und neun Viehhäute wurden verbraucht.
Die Schnürsenkel mit einem Gewicht von vier
Kilo steuerte ein Wuppertaler Unternehmen bei. Der
Schuh war die Attraktion schlechthin anlässlich
der Deutschen Jubiläums-Skimeisterschafi im
Februar 1930, die in Oberstdorf durchgeführt
wurde. Auch die Königin der Niederlände
und ihre Tochter, die damalige Kronprinzessin und
spätere Königin Juliane, die ihr Quartier
samt Hofstaat im Wittelsbacher Hof bezogen hätten,
bestaunten Schratts Schuh. Juliane lernte hier in
Oberstdorf übrigens das Skifahren. Wenig später
fraf den Schuhmacher aus Oberstdorf eine Zeitungsmeldung
wie ein Blitz aus heiterem Himmel: „Amerikanische
Firma baute größten Schuh der Welt!" Er
ließ die veröffentlichten Maße des
amerikanischen Schuhs in deutsche Größen
umrechnen und stellte gottlob fest, dass sein Schuh
der größere war. In der Zeitung wurde
nun über seinen Schuh umfangreich berichtet.
Der amerikanische Handelsattacé gab sich aber
damit nicht zufrieden und ließ zwei Polizisten
die Maße des Oberstdorfer Schuhs überprüfen.
Das Ergebnis dieser Vermessung bestätigte die
Angaben Schratts und er konnte sich offiziell als
Erbauer des größten Schuhs der Welt feiern
lassen.
Der Schuh präsentierte sich fortan als beliebter und bestaunter Mittelpunkt
vieler Ausstellungen, ob in Köln, Berlin, Rotterdam oder Budapest. Bei vielen
dieser Auftritte war Josef Schratt persönlich dabei, so dass er weite Teile
Europas kennenlernte; was er natürlich als sehr angenehm empfand.
Darüber hinaus war er als Delegierter des Deutschen Schuhmacherverbandes
häufig unterwegs. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der größte
Schuh der Welt
zerlegt und als Material für das Schuhmachergeschäft verwendet, da
man in dieser Zeit nur sehr schwer an die einzelnen Bestandteile für handgemachte
Schuhe kam. |
Nach einigen Jahren wollte es Josef
Schratt aber nochmals wissen: „Sieben
Generationen Schuhmacher, da muss man beweisen, was man kann!" Er machte
sich an die Arbeit, abermals einen Riesenschuh zu planen und zu fertigen. Drei
Jahre vor dem 150-jährigen Bestehen der Schuhmacherei Schratt, genau im
Jahr 1950, konnte der Meister den neuen größten Schuh der Welt vorführen.
Die Schuhgröße war auf 480 angewachsen und das Gesamtgewicht betrug
12 Zentner. Die Einlegesohle bot bequem Platz für vier liegende Männer,
20 Meter Rupfen wurden für das
Futter verbraucht und zum Vernähen der Sohle mussten 45 Meter Bergführerseil
herhalten. Anlässlich der 1. Skiflugwoche im Stillachtal wurde der kolossale
Stiefel von vielen Tausenden-Gästen bewundert. Während einer Handwerksausstellurtg
in München war der Schuh plötzlich verschwunden: Die Diebe, als Werbeleute
bezeichnet, wollten ihn in einer Nacht- und Nebel-Aktion in die Tscheslowakei
bringen, wurden aber kurz vor der Grenze von der Polizei gestellt. Wie schon
der erste Schuh war auch der neue wieder Gast auf zahlreichen Ausstellungen in
ganz Europa. Dann wurde es ruhiger um den gigantischen Schuh und er verschwand
gut verpackt in einem Schuppen. „So ein Schuh entwickelt sein eigenes Leben,
verlangt Werbung und Wartung und dafür hat niemand mehr Zeit", sagte
Schratt Anfang der sechziger Jahre, als er sich zur Ruhe setzte. Im Mai 1969
starb der Schuhmachermeister und Erschaffer zweier Weltrekordschuhe Josef Schratt
im Alter von 82 Jahren in Oberstdorf. Noch ein paar Jahre blieb der Riesenschuh
in seinem Unterschlupf verborgen, ehe ihm die Markgemeinde Oberstdorf Mitte der
siebziger Jahre durch einen Platz im Heimatmuseum die Ehre zu Teil werden ließ,
die im gebührt.
Aus dem Marktreport Oberstdorf, S. 16, Beilage zum
Allgäuer Anzeigeblatt vom 30.8.03 |