Lehrer
leistet „Sagenhaftes"
Alexander Rößle taucht mit
lehrhafter Erzählung in die Spukwelt der Altvorderen
ein
Von Peter Schwarz im Algäuer
Anzeigeblatt vom 25.1.03
Oberstdorf
Der „Marte" und die „Vroni" sind zwei
mutige Kinder, die nicht panisch vor Gespenstern und Geistern,
Hexenspuk und Teufelswerk davonlaufen. Die beiden haben
in der kriegerischen, von Aberglauben und Wahn erfüllten
Zeit des 30-jährigen Kriegs einen lebenswichtigen Auftrag
zu erfüllen: Sie sollen die Oberstdorfer vor schwedischen
Mordbrennern warnen. Alexander Rößle hat die
atemberaubenden Abenteuer von Marte und Vroni aufnotiert.
Er veranschaulicht damit eine Reise durch die Oberstdorfer
Sagenwelt.
Der 50 Jahre alte Lehrer an der Grundschule, in seiner Freizeit
beim Museumsverein aktiv und SPD-Ratsmitglied, maßt
sich indes nicht an, ein literarisches Werk geschaffen zu
haben. Sondern es ging dem Pädagogen um plastischen
Unterrichtsstoff für seine Klasse. So ist unter dem
seltsam klingenden Titel „Stuzze Muzz muss heim"
auch kein richtiges Buch entstanden, sondern ein Heft mit
lauter fotokopierten Seiten, das gleichwohl seinen Reiz
als Lektüre auch für Erwachsene entfaltet. Nicht
umsonst ist die erste Auflage von 200 Stück schon fast
vergriffen.
Weil sich Rößle nicht mit fremden Federn schmücken
wollte, erklärte er auch frank und frei, wer ihm alles
bei der sagenhaften Geschichte Pate stand. Die schreckliche,
aber am Ende gut ausgehende Irrfahrt der mutigen Bauernkinder
durch das Reich der Kobolde wird, gleichsam an Wegesbiegungen,
ständig in eine neue Richtung gelenkt. Geht' s nun
da oder dort lang? Der Leser entscheidet selbst, welchen
Pfad er einschlägt. Es gibt immer mehrere Versionen
des Handlungsstrangs, ein „Interaktions"-Buch
also.
Rößle stürzte sich schon als heimatkundlich
interessierter Junglehrer auf die zwielichtige Dämonenwelt
der Altvorderen, nachdem er sich in einer später publizierten
Studenten-Facharbeit zunächst noch dem frommen Volksgut
der Votivtafeln in den Loretto-Wallfahrtskapellen angenommen
hatte. „Für unterrichtliche Zwecke" dokumentierte
er krötenköpfige Gestalten und einen durch den
Kamin fegenden Beelzebub, klappernde Gerippe auf brennenden
Pferden und in Ekstase fallendes tanzwütiges Nachtvolk,
aber auch mit Gold winkende „Venedigermännle"
oder versprengte putzige Nachfahren der „Wilde Mändle"
Aus deren Sprachgebrauch stammt der Titel der Schrift.
Rößle trug über Jahre hinweg alles zusammen,
was er an Druckwerken über die Allgäuer und Oberstdorfer
Volkssagen in die Finger kriegen konnte. Und all die herumgeisternden
Spukgestalten und Schimären werden in der „Stuzze-Muzz-Story"
zum Leben erweckt.
Natürlich hat der sammelwütige Pädagoge bei
dieser Blütenlese festgestellt, dass die Inhalte „wandern",
so oder ähnlich auch in anderen Landstrichen vorkommen.
Gleichwohl, sagt der bibliophile Spezialist, „erfährt
man sehr viel über den Glauben der Menschen damals
unterm Nebelhorn". Als Autor der Heimatschrift „Unser
Oberstdorf" hat Rößle die irren Geisterprozessionen
in einer fünfteiligen Serie beschrieben und zur 500-Jahrfeier
der Markterhebung Viertklässlern hiesige Sagen nacherzählen
lassen.
Rößle stöbert aber nicht nur in der Grauzone
spannender Geistergeschichten umher. Er ist auch ein versierter
Computer-Fachmann. So baut der vielseitige Schulmeister
gerade einen Internet-Führer mit allerlei Wissenswertem
über die Geschichte, Kultur und Geografie von Oberstdorf
zusammen. Sogar einen virtuellen Radführer hat er rausgegeben,
der freilich von der eigenen Körperstatur her eher
auf „Genussradeln" ausgerichtet ist.
„Stuzze Muzz muss heim", erzählt von Alexander
Rößle, erschienen im Eigenverlag. Erhältlich
im Heimatmuseum und in Oberstdorfer Buchhandlungen.
Der Oberstdorfer Grundschullehrer Alexander
Rößle hat die Schrift „Stuzze Muzz muss
heim" verfasst, die in unterhaltsamer Weise in die
heimische Sagenwelt einführt. Foto: pts