Lieber den Spatz in der Hand
Museumsverein zieht bei Gemeinde-Vorschlag zu Tourismusmuseum im Ex-Rathaus voll mit
Oberstdorf
Gleich nach der Nordischen Ski-WM will Bürgermeister Thomas Müller den Aufbau eines Tourismusmuseums in Oberstdorf vorantreiben, und zwar im leer stehenden früheren Rathaus beim Marktplatz. Der Rathaus-Chef hat dafür die Rückendeckung des örtlichen Museumsvereins, der eigene Ambitionen für einen Anbau an die bestehende Historienschau in der Oststraße zurückstellt. In der Jahresversammlung sprach Vorsitzender Peter Weiß von einem „Gewinn für Oberstdorf', wenn die Idee verwirklicht werden könnte. Ein Museum, das die Entstehung des Fremdenverkehrs beleuchtet, gibt es in ganz Bayern nicht.
Die einmütige Zustimmung der Mitglieder beim Jahrestreffen täuscht darüber hinweg, dass es durchaus auch Stirnrunzeln wegen des Vorschlags von Müller gab. Der Bürgermeister war eigens von einem anderen Termin zu den Museumsleuten geeilt, um für die bereits im Dezember in einer Gemeinderatssitzung vorgetragene Überlegung zu werben. Beim Erarbeiten eines Konzepts für ein Tourismusmuseum im ehemaligen Rathaus wollen nun Museumsverein und Verwaltung zusammenarbeiten, damit das bisherige Heimathaus nicht ins Hintertreffen gerät. Wenn die organisatorischen und finanziellen Fragen geklärt sind, soll das Thema noch einmal den Vereinsmitgliedern zur Abstimmung vorgelegt werden.
Die Pionierleistungen der Oberstdorfer Bürger im 19. Jahrhundert dürften nicht in Vergessenheit geraten, begründet Vorsitzender Weiß,
warum der Geschichtsverein seit drei Jahren an einer historischen Aufarbeitung der Fremdenverkehrs-Anfänge arbeitet. Wie sich der jetzige Hauptwirtschaftszweig des Ferienorts entwickelt hat, konnte im bestehenden Heimatmuseum trotz der 38 Räume bislang nicht vorgeführt werden. Angesichts des sehr erfolgreichen Tourismusmuseums in Meran verfolgten die allesamt ehrenamtlich tätigen hiesigen Museumsleute das Ansinnen, so etwas auch im südlichsten Allgäu-Winkel zu etablieren - aber in einem Anbau am bestehenden Haus. Sogar ein genehmigter Bauplan existiert bereits. Aber es blieb offen, wo das Geld herkommen soll.
Da könnte jetzt der „Spatz in der Hand besser sein als die Taube auf dem Dach", denkt sich Museumspfleger Eugen Thomma. Eine politische Gemeinde habe ganz andere Möglichkeiten, Gelder und Zuschüsse an Land zu ziehen. Allerdings schlägt Rathaus-Chef Müller einen Standort am Marktplatz vor, weil dann das ehemalige Schulhaus, das nach einer Ölofen-Explosion als Rathaus ausgedient hatte, in Gemeindehand verbleiben könnte. Die Verwaltung will ja ihren jetzigen Notbehelf des Kurmittelhauses nach einem Umbau als vollwertiges Rathaus nutzen und möchte das ungenutzte Alt-Gebäude nicht der Gefahr eines Spekulationsobjektes aussetzen (wir berichteten).
Fast wäre in der Versammlung erneut eine Rathaus-Standortdiskussion losgebrochen, nachdem Bürgermeister-Vize Albert Vogler seine Bedenken gegen das Kurmittelhaus als vollwertigen Rathaussitz erneuerte und andere anwesende Ratsmitglieder sich ebenfalls zu Wort meldeten. Doch dann führt die Aussage des Vorsitzenden Weiß, „wir schaffen selbstverständlich mit", wieder zum Ausgangspunkt zurück.
Am fehlenden Inventar für ein Fremdenverkehrsmuseum dürfte es nicht scheitern. Da ist Museumpfleger Thomma schon jetzt gut bestückt, zumal in eine solche Historienschau auch die Entstehung des Skisports und die Jagd als einstiges Urlaubsvergnügen des Hochadels eingebunden werden könnten. Bürgermeister Müller wiederum will sich darum bemühen, im Museum die Fremdenverkehrs-Entwicklung auch anderer Oberallgäuer Ferienorte zu berücksichtigen und sogar grenzüberschreitende Perspektiven aufzuzeigen. Das könnte EU-Gelder lockermachen helfen.
Zitat
"Wie dr i dr Ziddig glease hend, isch do a gonz an nuia Ingfaal üs-gobred weages am Umbüh vum ehem. Nuie Rothüs zu nam Fremdenverkehrsmuseum. Ich mecht abr do it voargriife, will es vrlosed ho, dass do amend dr. 1. Bgm. Herr Müller zu is kut und seal des alls mit is vrhuigarte will. Drum kummed all, denn de heachescht Quelle sei allad de beseht."
Der Zweite Vorsitzende des Oberstdorfer Museumsvereins, Anton Köcheier, im Einladungschreiben an die Mitglieder zur Jahresversammlung. Diese Ankündigungen werden von ihm stets im Oberstdorfer Mundart verfasst.