Oberstdorf Er ist „das wandelnde Lexikon von Oberstdorf'. Auch wenn Eugen Thomma sich das Etikett als Heimatforscher des vom bettelarmen Bergbauerndorf zur Tourismushochburg aufgestiegenen Orts am Fuß des Nebelhorns nur widerwillig anheften lässt. Der langjährige Museumsleiter und Mundart-Theaterautor kann dem Ehrentitel nicht entrinnen. Wegen seiner Verdienste um Heimat und Brauchtum im Allgäu bekommt der 77-Jährige jetzt die Silberdistel unserer Zeitung.
Dem in Blaichach (Oberallgäu) geborenen und in Oberstdorf aufgewachsenen einstigen Hirtenbuben ist die Liebe zur Allgäuer Geschichte von einer Lehrerin ins Herz gepflanzt worden. „Das war wie ein Virus", sagt Eugen Thomma. Gerade mal fünf Jahre brachte er in der Volksschule zu, wenn man Kriegszeiten und die Alpsommer abzieht. Doch schon als Bursche in der Zimmermannslehre reimte Thomma Verse. Für Fasnachtsbälle schrieb er Sketche.
Alles zielte danach auf eine „seriöse" Laufbahn als Polizist ab. Ab 1971 war er Beamter bei der Gemeinde. Wäre da nicht die Sache mit dem heiligen Antonius gewesen. Gendarm Thomma sollte herausfinden, wer die Heiligenfigur aus dem muffig wirkenden Heimatmuseum stibitzt hatte. Er geriet dabei den „Säulenheiligen" des Museumsaus-Schusses in die Fänge, die ihn für das Haus begeisterten.
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Eugen Thomma erhielt die Silberdistel des Allgäuer Anzeigeblattes |
Der heilige Antonius tauchte zwar nie wieder auf. Doch dafür schaltete und waltete bald ein Eugen im Museum. Er setzte seine Vorstellungen von einer modernen Schau der Ortshistorie durch. Den Mietern, die im altehrwürdigen Bauern-haus in der Oststraße untergebracht waren, besorgte er Ersatz. So konn
ten die zwölf Räume auf 38 erweitert werden. Die Besucherzahl verzehnfachte sich unter seiner Ägide seit 1975. Das Haus hat seitdem einen sehr guten Ruf. Hochzeitspaare dürfen sich in der guten Stube das Jawort geben. Den Museumspfleger (er war es bis vor drei Jahren) traf man nahezu täglich an seiner Wirkungsstätte an, wo auch die von ihm organisierten Sonderausstellungen liefen - 23 an der Zahl.
An seine erste Jahresausstellung erinnert sich „Macher" Thomma noch genau. Es ging um das Zimmererhandwerk. Schauen zur Marktrechtserhebung, zur Jagd, zu Alphörnern und Tierglocken folgten. Höchster Etat für den ehrenamtlichen Museumspfleger waren mal 500 Mark, die Thomma für ein Alphorn als Leihgebühr berappte.
Wenn irgendwo unterm Nebelhorn ein altes Haus der Abrissbirne zum Opfer fällt, wühlt der schwergewichtige Heimatforscher mit dem prächtigen Rauschebart buchstäblich im Dreck. So ergatterte er nach
und nach Dinge, die als Exponate im Museum landeten oder zumindest als Dia dokumentiert wurden. |
An die 10000 Dias verwahrt
Thomma bei sich daheim in Schubkästen, hält er doch immer wieder Vorträge. Sie illustrieren seine Veröffentlichungen in Broschüren und
Heimatschriften. „Schreiberhöhle" nennt er die Stube, wo er neuerdings auch Theaterstücke verfasst. Die Szenen tippt er in den Computer, von ihm freundlich „Blechdepp" genannt.
„Blut geleckt" in der Dramaturgie hatte Thomma zur 500-Jahr-Feier des Marktes Oberstdorf. Da gab er dem Manuskript der Autorin einen derartigen Pfiff, dass sie ihr eigenes Stück kaum wiedererkannte, aber zufrieden war. Seitdem folgten immer wieder Mehrakter in Mundart. Der von Thomma ergänzte Schlussakt des Klassikers „Gearstrubar Huimat" war noch sein Gesellenstück. Danach ging es aus eigener Feder um die erste Eisenbahn im Ort, um eine Feuersbrunst von 1865 und um den Bau der Nebelhornbahn. Alle Aufführungen einer beherzten Laienspielschar wurden zu Erfolgen. Ein neues Thema hat Thomma derzeit nicht. Fit fühlt er sich jedenfalls, um dem Drängen der Theatertruppe nach weiteren Stücken nachzugeben.
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