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Heimatmuseum Oberstdorf
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Zichoriekaffee, Muckefuck, Landkaffee, Ersatzkaffee u.a.
GerstenrösteSchon seit über 10 Jahren führe ich Gäste durch das Museum. Wohlvorbereitet durch Eugen Thomma und Anton Köcheler erzähle ich den Besuchern von den Ausstellungsgegenständen, von denen mir eine ganze Reihe selber nicht mehr recht geläufig sind. So steht in der Feuerstelle der Küche der hier abgebildete Apparat, zu dem ich brav erkläre, dass damit die Gerste zu Malz gebrannt wurde. Aus dem Malz stellte man dann den sogenannten Zichoriekaffee her. Bisher nickten besonders die Älteren schmunzelnd mit dem Kopf und hin und wieder entstand eine kurze Diskussion über den früher gebräuchlichen Kaffeeersatz. Als aber dieses Jahr eine Museumskollegin meine Ausführung mitbekam, belehrte sie mich am Ende meiner Führung: „Für den Zichoriekaffee wird nicht Gerste sondern Eicheln verwendet.“ Das weckte natürlich mein Interesse und ich durchforschte meine heimatkundliche Literatur. Doch in meinen Büchern wurde ich leider nicht fündig und ich weiterte meine Suche auf das Internet aus und stellte bald fest, dass hier zwar die Begriffe wild durcheinander purzeln, aber mit der Hilfe mehrere Seiten wurde ich fündig.
Mit „Zichorie“ ist eigentlich die „Gemeine Wegwarte“ gemeint. Diese unscheinbare Blume wächst gerne an Wegrändern. In der kultivierten Form kennen wir sie als Chicorée oder Radicchio. Außerdem gibt es noch eine weitere kultivierte Form, bei der die Wurzel im Zentrum der Zucht steht: die Zichorienwurzel. Sie soll schon im alten Ägypten genutzt worden sein. Die zerkleinerten Wurzeln werden 3 Monate getrocknet, danach geröstet und gemahlen. Schlussendlich werden Sie u.a. mit Speiseöl und Zucker vermischt, wobei eine dunkle zähe und bröcklige Masse entsteht, die man mit heißem Wasser aufgießen kann. Es entsteht ein Sud mit bitter-süßem Geschmack – der Zichoriekaffee.
Gersten-Röste
Getränke dieser Art werden jedoch nicht nur aus der Zichorienwurzel sondern aus verschiedenen Getreidesorten wie Gerste und Roggen oder aus Samen wie Eicheln und Bucheckern auf ähnliche Weise hergestellt. So erlebt gerade heute der aus Gerste gewonnene Malzkaffee eine Renaissance in den Naturkostläden, weil er wenig Gerb- und Bitterstoffe enthält und im Vergleich zu Getreidekaffee milder und süßer schmecken soll. Die Marke Caro-Kaffee hält sich bis heute auf dem Markt. Bei uns im Allgäu wurde für den Hausgebrauch auch gerne die Löwenzahnwurzel verwendet.
Genauso artenreich, wie die Ausgangsmaterialien waren dann auch die Namen, die diesen Getränken gegeben wurden: Zichorienkaffee, Landkaffee, Preußenkaffee, Ersatzkaffee, Malzkaffee, Kaffeeersatz, Kaffeesurrogat und Gerstenkaffee. In Berlin soll der Name „Lorke“ gebräuchlich gewesen sein. Noch heute wird damit allgemein ein ungenießbares Getränk bezeichnet. Sehr häufig wurde jedoch der Begriff „Muckefuck“ verwendet. Diese die Bezeichnung soll dem französischen „Mocca faux“ (= für falscher Kaffee) entnommen worden sein. Es wäre jedoch auch eine Zusammensetzung aus Mucke (brauner Holzmulm) und fuck (faul) denkbar.
Gegen den echten Kaffee konnten sie sich die Ersatzkaffees jedoch alle nicht durchsetzen und es benötigte immer einen politischen bzw. wirtschaftlichen Grund, wenn diese Getränke in Mode kamen. So verhinderte die napoleonischen Kontinentalsperre von 1806 bis 1812 den Einfuhr des Kaffees aus Übersee. Sofort schossen mehrere Fabriken aus dem Boden, die Zichoriekaffee herstellten oder den teuren Bohnenkaffee mit Kaffeeersatz streckten. Weiter „Boomzeiten“ waren dann u.a. die Weltwirtschaftskriese in den 20ern, der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit insbesondere in der DDR. Bei meiner nächsten Führung werde ich den Besuchern jetzt wohl unsere „Kaffemaschine“ ausführlicher erläutern können.
Alex Rößle
Von Eugen Thomma erhielt ich folgende lesenwerten Anmerkungen zu meinem Artikel:
Lieber Alex,
ich habe im Internet deinen Aufsatz über den Kaffeeröster gelesen. In dieser Kugel, die in die Herdringe oder den Dreifuß am offenen Feuer eingesetzt wurde, wurde von Grund auf nur Gerste gröstet ("gemälzt"). In der Mühle gemahlen und das Pulver in der Pfanne mit Wasser aufgekocht ergab dies den Malzkaffee. Bei uns wurde er auch scherzhaft "Schpitzbuhnekaffee" getauft.
Gesundheitsbewußte Mitbürger kaufen auch heute noch den berühmten "Kathreiner Malzkaffee" mit der Abbildung des Pfarrers Kneipp auf der Packung.
In großen Notzeiten - insbesondere in den Hungerjahren 1917/18  - wurden auch Eicheln zerschnitten, gedörrt und in dem Kaffeeröster geröstet oder wie man sagte "gemälzt".
Gerstenkaffee oder Eichelkaffee wurden - je nach Geschmack, Geld oder Vorhandensein - mit Zichorie verfeinert.
Man sprach aber nicht vom Zichorie-Kaffee. Zichorie konnte man in den Kräerein kaufen. In Rollen von ca. 25 cm Länge und 5 cm Stärke, die in rotem Glanzpapier verpackt waren,  kam Zichorie in Handel. Eine ganz bekannte Marke war dabei "Mühlen-Frank".
Es gab aber auch die Zichorie-Feigen-Mischung. Dabei war besonders bekannt der "Andreas-Hofer-Feigenkaffe" oder der "König-Ludwig-Feigenkaffe". Ich entsinne mit noch bestens an die einschlägigen Emaille-Werbe-Schilder an den Hauswänden oder Ladentüren der Krämerein.
Zichorie wurde bei uns nie als Kaffee, sondern nur als Zusatz verwendet, allein schon des Preises wegen. Ich will hier nicht "Klugscheisser" spielen, aber kenne die Sachen noch aus eigenem Erleben.
Es wäre gut Aufsätze dieser Art wieder in der Kurzeitung zu bringen.

Mit frdl. Gruß Eugen

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