Artikel aus unbekannter Zeitschrift
von Klaus Schlösser
Als die Ochsen noch über den Schrofenpaß nach Italien transportiert wurden
Kaum vorstellbar, daß vor fast 200 Jahren, lange noch bevor der Alpenverein in den Bergen zwischen Kleinwalsertal und Hinterstein seine erste Hütte baute, an irgendeiner Ecke des Allgäuer Hauptkammes ein regeres Auf und Ab geherrscht haben soll als heutzutage.
Und doch gibt es einen Weg, der schon im Mittelalter für viele Menschen rings um Biberkopf und Trettach eine ähnlich gewichtige Lebensader darstellte wie vielleicht heute die Straße ins Kleinwalsertal. Der Schrofenpaß, der von der Oberstdorfer Birgsau über das Rappenalptal am Biberkopf vorbei nach Lechleiten und Warth führt, hat erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts seine Bedeutung verloren.
Wanderer, die auf ihrem Weg zwischen Rappenseehütte und Mindelheimer Hütte die steile Felswand südlich des Haldenwanger Ecks passieren, steigen über Aluminiumleitern und sichern sich an Stahlseilen — dort, wo bis zum Jahre 1800 noch jährlich mehr als 800 Ochsen vom Allgäu aus über den Tannberg nach Italien exportiert wurden. Alteingesessene Oberstdorfer können sich noch daran erinnern, daß der Weg zum Schrofenpaß gut anderthalb Meter breit und von einer Außenmauer begrenzt war, bis dieser aus dem Fels gesprengte Saumpfad in den Wir-
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ren der letzten Tage des Zweiten Weltkriegeges von noch heute unbekannter Hand zerstört wurde. Wenn der im vergangenen Jahr verstorbene Oberstdorfer Heimatforscher Paul Schwendinger die bei langjährigen Nachforschungen entdeckten histori-schen Mosaiksteine richtig zusammensetzt hat, dann wurde das obere Lechtal, der sogenannte Tannberg, ursprünglich vom Allgäu aus besiedelt. Das Gebiet von Hornbach bis Zürs gehörte im 13. Jahrhundert zur Grafschaft Rettenberg, die bereits um die Jahrtausendwende fast das gesamte heutige Oberallgäu östlich von Iller und Breitach einschließlich der späteren Vogtei Nesselwang und das Tannheimer Tal beherrschte. Weil die Berglandschaft des Tannberges öd und karg war, hatten die Rettenberger Grafen nichts dagegen, daß um 1300 die aus dem Wallis kommenden „Walser" dort Siedlungen gründeten. Später zogen die Walser auch über den Hochalppaß in das Tal, das man heute Kleinwalsertal nennt.
Während die politische Abhängigkeit des Tannbergs von der Grafschaft Rettenberg im 14. Jahrhundert ihr Ende fand und die Walser im Oberen Lechtal sich 1453 nach einer Eroberung durch Herzog Sigismund Österreich unterwerfen mußten, erreichten die wirtschaftlichen Verflechtungen erst im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt.
Zu dieser Zeit war der Tannberg weder mit dem Bregenzer Wald noch mit dem Arlberg und auch nicht mit dem Gebiet von Reutte durch eine Straße verbunden. Die Bevölkerung von Warth, Lechleiten oder Hochkrumbach deckte sich im Sommer jenseits der Berge in Oberstdorf mit Vorrat ein. Und wenn die notwendigsten Lebensmittel einmal während des Winters zur Neige gingen, stapften die Tannberger ebenfalls über den Schrofenpaß ins Rappenalptal nach Birgsau.
Aus dem Jahre 1631, mitten im Dreißigjährigen Krieg, ist überliefert, daß 13 Personen aus Lechleiten unter dem Biberkopf erfroren sind. Heimatforscher Schwendinger vermutet, daß sie sich auf dem Rückweg vom Einkauf
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auf der Winterkirbe am 20. Januar in Oberstdorf befanden.
Der Weg über den 1785 Meter hohen Paß zwischen Rappenalptal und Lechtal stellte zwar jahrhundertelang eine Lebensader der Bevölkerung am Tannberg dar, jedoch dauerte es bis 1795, ehe der damalige Pfarrer von Warth den Ausbau des Weges anregte. Seinerzeit sprengten 20 Männer den neuen Weg durch die Felswand, sechs Schuh breit und mit einer 40 Zentimeter hohen Außenmauer abgesichert. 2900 Gulden kostete das Bauwerk, das die Wegstrecke von Warth nach Oberstdorf erheblich verkürzte. Die Bedeutung dieses Verbindungswegs wird unterstrichen durch die Tatsache, daß 1838 für die acht Zollbeamten in Warth ein eigenes Amtshaus gebaut wurde.
Jahre später erfolgte ein Ausbau der Wege in Richtung Reutte und in den Bregenzer Wald. In der Warther Chronik heißt es dazu: "Anfangs der sechziger Jahre bezog man das Mehl von Füssen, hernach aus dem Bregenzer Wald."
Ein Schlaglicht auf die Entwicklung des Handels zwischen dem Tannberg und dem Oberallgäu wirft ein Schriftstück, das 1945 auf dem Dachboden des Finanzhauses Gehren gefunden
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wurde. Demzufolge ging die Getreideeinfuhr von 1856 zu 1857 von 29 700 Kilogramm auf 26 900 Kilogramm zurück. Die Viehausfuhr wurde in diesen beiden Jahren mit 1015 und 393 Stück angegeben. Noch drastischer war zu dieser Zeit der Rückgang des Käse-Exports, nämlich von 2060 Kilogramm auf nur noch 80 Kilogramm. Die Zöllner fügten dieser Jahresbilanz die Bemerkung bei: „Zollpflichtige Gegenstände dürften größtenteils auf Schmugglerwegen hergebracht worden sein."
Eben jene Schmuggler waren es auch, die bis ins 20. Jahrhundert hinein den ehedem lebhaften Warenverkehr in Schwung hielten. Bis Österreich 1938 dem Großdeutschen Reich einverleibt wurde, war der Rollentabak und die Virginia aus den Trafiken in Warth oder Hochkrumbach beliebte Schmugglerware.
Darüber hinaus gab es am Tannberg offenbar keinen größeren Handel mehr. Landwirtschaft und Viehzucht warfen kaum mehr ab, als zum Leben notwendig war. Fanny Geißler, Wirtin auf der Rappenseehütte, die schon in ihrer Kinderzeit jeden Sommer mit ihrem Vater Franz Kaufmann auf der Hütte verbrachte, erinnert sich, daß in
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einem jener Sommer vor dem Krieg der Pfarrer von Warth mit einem Bergführer auf die Hütte kam und über die Armut am Tannberg berichtete. Während er einen mitgebrachten Schmarren aus dem Pergamentpapier wickelte, klagte er: „Es heiratet keiner, und es stirbt keiner."
Grund zu klagen hatten wohl auch jene Menschen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in ein Konzentrationslager jenseits des Biberkopfes eingesperrt wurden. Die SS, die an der Schwarzen Hütte, dort wo heute das Zoll-Erholungsheim steht, ein Wehrertüchtigungslager eingerichtet hatte, verfügte in diesem KZ im Rappenalptal über das Schicksal vor allem einer Gruppe von Polen und von politischen Häftlingen. Kurz bevor die Franzosen, vom Kleinwalsertal kommend, die Oberstdorfer Berge erreichten, wurden die KZ-Insassen freigelassen. Einige dieser Polen leben noch heute in Oberstdorf. Die SS glaubte wohl noch an den „Endsieg". Sie zog sich zum Haldenwanger Eck zurück, um es zu verteidigen. In diesen letzten Tagen des Krieges, so vermuten die alten Oberstdorfer, hatten SS-Leute den gemauerten Weg zum Schrofenpaß gesprengt.
Es dauerte lange Zeit, bis der Alpenverein in den Oberstdorfer Bergen seine Hütten instand setzen und die Wanderwege richten konnte. Als die freiwilligen Helfer damals Leitern und Seile an der Schrofenwand anbrachten, dachte wohl kaum noch jemand an die Tannberger aus dem Mittelalter, die auf diesem Wege zum Einkaufen nach Oberstdorf gekommen waren. Die einzigen „Waren", die heute noch über den Schrofenpaß nach Lechleiten getragen werden, sind Rucksäcke - Rennräder. Fanatische Sportler
nehmen die Klettertour gern auf sich, vom Rappenalptal ins Lechtal zu g????ehen. Von dort aus radeln sie über ???sen wieder nach Hause ins Allgäu zurück.
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Bilder des Artikels:

Diese Alu-Leiter führt heute über den ?? gemauerten und dann gesprengten Weg
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Der Weg über den Schrofenpaß erreicht von der österreichischen Seite aus nördlich des Biberkopfes das Rappenalptal. Von dort aus bietet sich ein herrliches Panorama von den Schafalpköpfen (rechts) bis zu den Oberstdorfer Bergen.
Bild: Klaus Schlösser |